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Point Of View (abgekürzt: POV) bezeichnet die Erzählperspektive bzw. den Blickwinkel, aus dem erzählt wird. Sie ist Bestandteil des erzählenden Textes und beantwortet die Frage, "Wo sieht und spricht der Erzähler, und was weiß er?". Sie kann sowohl für eine bestimmte Szene oder ein Kapitel gelten als auch für eine ganze Fanfiktion. Meistens wird die persönliche Sicht des Protagonisten gewählt; gibt es mehrere Hauptcharaktere, so kann es auch zu sogenannten POV-Wechseln kommen. Manche Autoren verwenden auch einzelne Ausschnitte aus der Sicht eines anderen Charakters, meistens dem Antagonisten, als Stilmittel.

Verschiedene ErzählperspektivenBearbeiten

Im Allgemeinen sind für den Hobby-Autoren drei grundlegende Perspektivtypen bekannt: auktoriale Perspektive, personale Perspektive und Ich-Perspektive. Sie gehen auf das typologische Modell nach Franz Karl Stanzel zurück. 

In der neueren Literaturwissenschaft wurde die Anlage solcher Idealtypen jedoch lange Zeit kritisiert, und so kreierte der Franzose Gérard Genette ein System, das auf dem Begriff "Diegese" aufbaut. Es ist wahrscheinlich nur für fortgeschrittene Autoren anwendbar, kann aber auch Einsteigern einen neuen Blick auf die Erzählweise gewähren. 

Typologisches Modell nach F. K. StanzelBearbeiten

Stanzel stellt drei verschiedene Perspektiven vor:

  • Auktoriale Perspektive: Der allwissende Erzähler steht außerhalb der Geschichte und überblickt sie als Ganzes. Er kann Vorausdeutungen machen und Vergangenheit und Zukunft verknüpfen (Beispiel: "Die Unendliche Geschichte"; "Der Hobbit"). Er kennt auch die Gefühlswelt der Charaktere und kann tadelnd oder lobend kommentieren. Um eine gute Identifikation mit der Hauptfigur zu garantieren, müssen seine Aussagen als wahr, glaubhaft oder zumindest den sittlichen Konventionen seiner Zeit entsprechen.
  • Personale Perspektive: Der Erzähler tritt in den Hintergrund und macht einer Person der Handlung Platz, über deren Schulter er schaut - die Reflektorfigur. Die Erzählform ist in der dritten Person gehalten, doch die innere Sichtweise und Deutung entspricht der der Reflektorfigur. Darum ist der Blick auf die direkte Handlung eingeschränkt, das Wissen über die Gefühlswelt anderer Figuren wird über den Dialog oder nonverbale Kommunikation erlangt. Die Figur lädt daher nicht sofort zur Identifikation ein, sondern kann aufgrund ihrer Taten und Gedanken vom Leser kritisch hinterfragt werden. (Beispiel: "Harry Potter") 
  • Ich-Perspektive: Der Erzähler steht innerhalb der Welt der Handlung und hat Teil an ihr -  die Erzählform ist daher in der ersten Person gehalten. Der Leser erhält damit einen unmittelbaren, subjektiven Einblick in die Gefühlswelt der Figur. Dabei kann der Ich-Erzähler direkt in der Handlung stehen (Beispiel: "Die Tribute von Panem") oder als älteres, reiferes Ich auf die Geschehnisse zurückblicken (Beispiele: "Der Name der Rose", "Die Schatzinsel"). Die kritische Distanz des Lesers und die Allwissenheit des Erzählers sind darum von Fall zu Fall recht verschieden.

Stanzel stellt aus diesen drei Typen einen Typenkreis zusammen, in dem sich bestimmte Merkmale überschneiden oder ausschließen:

  • Erzählmodus: es gibt entweder eine Erzählerfigur, die dem Leser die Handlung selbst vermittelt (auktorial/Ich) oder eine Reflektorfigur, die dem Leser als handelnde Person nahe ist, aber vom Erzähler getrennt ist (personal).
  • Person: die Seinsbereiche (Erlebniswelten) von Erzähler und Figuren sind identisch (Ich), oder sie sind voneinander getrennt, das heißt, der Erzähler bewegt sich nicht in derselben Welt wie seine Figuren (auktorial/personal)
  • Perspektive: entweder Außenperspektive (auktorial), Innenperspektive (Ich) oder eine Mischung aus beidem (personal)

Die daraus entstehenden Idealtypen sind nicht als normative Regeln zu verstehen, sondern als Werkzeuge zur Beschreibung und Analyse der Erzählweise, weshalb Abweichungen nicht als gravierend betrachtet werden. Vielleicht deshalb wurde das Modell so häufig in die Kritik genommen.

Das Diegese-Modell nach GenetteBearbeiten

Dieses Modell ist aus Kritik zu Stanzel entstanden, da es keine Idealtypen zusammenstellen will, sondern bestimmte Merkmale aufschlüsselt: den Modus (Wer sieht das Geschehen?) und die Stimme (Wer erzählt das Geschehen?).

Mit dem Begriff Diegese unterscheidet Genette, ob der Erzähler auf einer extradiegetischen oder (intra)diegetischen Ebene spricht, d.h. ob er in der Welt der Handlung existiert oder nicht.

Genette benutzt außerdem den Begriff Fokalisierung, der das Verhältnis zwischen dem Wissen des Erzählers und der Figuren beschreibt.

  • Es gibt eine Nullfokalisierung, wenn der Erzähler mehr als jede der Figuren weiß. Dies ist der Fall beim "allwissenden" Erzähler, aber auch beim rückblickenden Ich-Erzähler.
  • Es gibt eine interne Fokalisierung, wenn er soviel wie eine einzelne Figur weiß. Sie kann fest auf eine Figur konzentriert sein (personale Perspektive und Ich-Perspektive), kann aber auch zwischen verschiedenen handelnden Figuren hin- und herspringen, die dann der entsprechende Focalizer ist. Dies ist vor allem dann nützlich, wenn man ein- und dasselbe Ereignis aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten will.
  • Die externe Fokalisierung beschränkt sich auf die äußerlich sichtbaren Handlungen der Figuren. Der Erzähler weiß nichts über das Innenleben der Figuren.

Der Vorteil dieses Modells ist, dass die entsprechend ausgewählte Erzählperspektive flexibler erfasst und komplexer beschrieben werden kann. In einer sonst aus der Ich-Perspektive geschriebenen Geschichte kann es also durchaus Momente geben, in denen der Erzähler mehr weiß als sein jüngeres Ich (Nullfokalisierung) oder die Handlungen anderer Figuren kritisch hinterfragen muss, weil es ihm an Wissen über deren Gefühlswelt fehlt (externe Fokalisierung) - je nachdem, ob er noch in der Handlung drin steckt (intradiegetisch) oder außerhalb davon steht und darauf zurückblickt (extradiegetisch).

QuellenBearbeiten

  • Gérard Genette: Die Erzählung. UTB, Stuttgart 1998.
  • Franz K. StanzelTheorie des Erzählens. UTB, Göttingen 1995.

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